Die BarFußHochzeit in SchwabachGitteWortBilderWortbilder 2Bevorzugte LinksKontaktGästebuch
Mein Leben mit nackten Füßen
Über mich



Ich bin Wil, 58 Jahre, und wohne im Süden Nürnbergs. Habe auch schon meinen Spitznamen und das kam so: Machte mich am ersten heißen Sonntag bei 30 Grad auf die „Socken“ zur Tanke und traf auf dem Weg dahin drei Kids, 13/14, zwei hübsche Mädels und ein kräftiger Junge, im Schatten auf einer Bank. Grüße freundlich, höre Kichern hinter mir und eine liebliche Stimme, die sagt: „Da ist ja wieder der komische Alte mit den nackten Füßen und dem Strohhut.“ Der dreht sich um und sagt mit der freundlichsten Miene: „Schön, dass Du mich wieder erkannt hast, das ist eine Belohnung wert. Seid Ihr gleich noch da?“

Kam zurück mit drei dicken, den dicksten Tüten, die es gab. Beim Überreichen konnten Sie mein rechtes Oberarm-Tattoe sehen, was mit einem spitzen Begeisterungschrei quittiert wurde: „Booaa jetzt hat der auch noch ein Tattoe, haste gesehen was: DAS STARGATE aus der Serie!!“

Dann folgte ein tolles Gespräch, will ein anderes Mal davon erzählen, denn ich will heute was loswerden, meine unbändige Lebensfreude, mit nackten Füßen zu leben. Hatte vom Kind bis zum Studenten immer nackte Füße (außer Kinderkommunion), lernte die Welt quasi mit verschlossenen Augen kennen, kann mit den Füßen sehen, sie sind auch meine ersten Freunde geworden, haben Namen, links Onkie, rechts Donkie, spreche viel mit ihnen und sie mit mir, als Junge haben wir tolle Spiele unter der Bettdecke gehabt, ja die beiden konnten sich sogar streiten – und wie, genauso jähzornig wie ich.

Lernte auch, mich durchzusetzen, zuerst versteckte ich die Schuhe, dann verschenkte ich sie beim Spielen an andere
Kinder, meine Mutter holte sie immer zurück, dann bin ich mit den Schuhen in der Hand kilometerweit gelaufen, um sie in eine Mülltonne zu stecken. Das mehrmals, immer mit neuen Schuhen, dann begriff meine Mutter, das es ein hoffnungsloser Fall ist, ihr Kind.

Dann kamen irgendwann die schlimmen Jahre, nein Jahrzehnte. Studium, Doktorarbeit in Philosophie, Beruf, Familie ist plötzlich, Kinder, die Füße wurden immer mehr zu einem reinen Freizeitvergnügen, und auch da hatte ich den Kopf und das Herz voll mit Anderem. Die beiden sprachen immer weniger mit mir, dann hörten sie ganz auf und ich merkte es noch nicht einmal, dass ich weiterlebte auf abgestorbenen, toten Füßen. Bemerkte nicht den völligen Zerfall aller Beziehungen und Dinge, ruinierte meine Gesundheit gnadenlos.
Es kamen Fastverbluten nach Mallory-Weis-Syndrom nach unmäßigen Alkohol-Genuss, bösartigster Krebs im rechten Oberschenkel und schwerer Herzinfarkt, insgesamt totaler Zusammenbruch des eigenen Ichs.

Alles ging weg, zuerst meine Frau, mein ältester Sohn, aber nicht wegen mir, das ganze Vermögen, zurück blieben Niklas, 14 und ich.

Und  wir begegneten uns, er der mehr stille, dunkles gelocktes Haar, Bart wie der junge Johann t`Serclaes von Tilly, Psychotherapeuth Ralf Regul, so gar nicht passend ins Kleinstädtische rheinischer Siedlungen und ich, der Untherapierbare, der vieles sieht und hört und noch mehr versteht, aber nur für sich zulässt, was er will. Waren nie Therapeuth und Patient, immer und von Anfang mehr und erst, als er sich ins Ländliche eines alten rheinischen Bauernhofes "zurück zog", wo er mit Menschen, Tieren und sich im spürbaren Einklang lebt, wurde er der, der er immer bleiben wird, der vor Gitte wichtigste Mensch in meinem Leben. Sanft, lächelnd, doch im Wort genau und hart, wenn es sein muss, überzeugte er mich, es gibt keinen Weg mehr zurück in das alte Leben. Dies wäre mein Tod. Wo es kein Zurück mehr gibt, gibt es nur Stehenbleiben oder Vorwärtsgehen. Still stehen, konnte ich nie. Also ging ich vorwärts, nicht wissend wohin, nicht ahnend wie leidvoll der Weg sein würde, sein mußte, denn erst das Leid macht uns menschlich. Ohne ihn wäre ich nie zu Gitte gekommen, ohne ihn wäre ich zurückgegangen, getrieben von der dunklen Lust am eigenen Untergang, sich an der Dramatik dieses Schauspiels zu ergötzen, eine Lust, die immer in mir und bleiben wird. Mit ihm aber wußte ich endlich, Ich bin Ich und es ist gut so wie Ich bin und ich bin für immer unzerstörbar.

Dann lernte ich übers Internet und durch Zufall Gitte kennen und lieben. Wir beschlossen, alles noch Verbliebene im Rheinland zu lassen und zusammen zu ziehen.

Da war aber der dringende Wunsch und Bitte von ihr, dass ich erst in Bad Neustadt an der Saale eine psychosomatische Behandlung mache. Ich war empört, wollte die Beziehung beenden, ich ein Psycho! - ob sie wohl glaube, dass ich mir den Herzinfarkt nur eingebildet hätte. Bin doch gefahren, im Herzen voller Grimm und ohne Hoffnung, dort Heilung zu finden, aber diese Beziehung war es wert, es zu versuchen. Erster Tag in Bad Neustadt: Klinikum gebaut im Niemandsland zwischen Deutschland und Deutschland, Plattenbauten im Westen, grau, unverputzt, Beton. Es ist nach 23 Uhr, habe mit Gitte telefoniert, ihr mitgeteilt, dass ich Morgen abreisen werde. Es gelingt ihr, mich umzustimmen, dass ich mir eine Woche Zeit gebe.

Ich sitze in diesem kahlen, kalten Zimmer bei 29 Grad und mich friert, weine hemmungslos, will wieder bei Ihr anrufen, sagen, wenn nötig auch schreien: „Lass uns aufhören, ich mache auch Dich kaputt.“ Rufe an, sie geht nicht ans Telefon. Sitze am Morgen immer noch auf dem Stuhl als es klopft: Stationsschwester Elisabeth – warum die dumme Ziege auch noch Elisabeth wie meine gewesene Frau heißen muss? - warum ich nicht zur Köpergruppe ginge, es wurde schon von unten angerufen, das sei schließlich ein Pflichtprogramm. Maulend gehe ich los in den Keller, wo die Gymnastikräume, betrete den Raum, wo alle schon warten, pflichtgemäß mit gewaschenen und nackten Füßen. Und dort geschieht etwas, was mein Leben für immer zum Guten verändert, nicht allein, da waren auch noch andere Menschen und Dinge. Ich trete mit nackten Füßen auf den Boden und spüre sie, die Zärtlichkeit des Korks und zugleich ein lang vergessenes Gefühl, das wie eine Flamme in mir aufschießt.

Ich spüre wieder Leben in den Füßen, deren Namen ich bisher verschwiegen habe, selbst meiner geliebten Gitte. Ich kann kaum noch die Tränen zurückhalten. Dann erzählt die Ärztin von Sinn dieser Therapie mit nackten Füßen, es ist der erfolgversprechende Weg, Depressiven und psychosomatisch Kranken das verlorene Körpergefühl dauerhaft zurück zu geben und wir würden jetzt die erste Übung machen. Was erzählte die denn da?? Das sind meine Worte, das ist doch das was seit den ersten Schritten immer in mir war, auch als ich es nicht mehr spürte, war es noch da: Das unglaubliche Gefühl des Glücks mit nackten Füßen zu leben.

Dann die Übung, jeder bekam ein schwarzes Band für die Augen und einen Gegenstand eigener Wahl, ich nahm einen viereckigen Holzklotz. Dieser sollte nur mit den tastenden Füßen im Raum gefunden werden. Dann erhob sich die ärztliche Stimme, ebenfalls herzhaft lachend, auffordernd, nun die Klötzchen wieder zu suchen. Zum Ende der Übung habe ich mich, wo ich stand, hingesetzt, die Füße umschlungen und geweint wie noch nie und auch gelacht wie nie zuvor, so glücklich, so unendlich glücklich wieder dort zu sein, wo ich immer wieder sein wollte. So ein Heulkrampf ist in einer psychosomatischen Klinik nichts seltenes - und als er vorüber war begann die Ärztin mit der Auswertung der Übung, mir fiel zuerst nur auf, wie schön sie ist - was ich vorher nicht sehen konnte. Dann hörte ich wieder ihre leicht zitternde Stimme, sie sprach, dass dies für sie ein besonderer Moment gewesen sei. Üblich gehen sich bei dieser ersten Übung alle aus dem Wege, nur nicht berühren - wo sind denn die verdammten Klötze nur? Aber mir sei es gelungen, diesen Bann zu brechen, meine unbändige Freude habe sich auch auf sie übertragen. Aber ich sollte – kam es noch lachend hinaus – nicht jedesmal einen Weinanfall kriegen.

Heute lebt der „verrückte Alte mit den nackten Füßen und dem Hut“ in Schwabach, ist mit seiner Gitte und sie mit ihm verheiratet, wir leben - beide bisexuell - in einer offenen und zugleich tiefen Beziehung. Alles ist geregelt, für alle gut, bin ein durch und durch glücklicher Mensch, ein Mann, der mit sich und den Seinen im Einklang steht, der sich untrennbar verbunden fühlt mit der ganzen Welt, dem ganzen Universum, die Dualität aller Dinge ist aufgehoben und da ist Freude, immer währende Freude. Die ich nicht zurückhalten will, sondern teilen, denn das Wunderbare an ihr ist: Je mehr von ihr ausgegeben wird, umso mehr bekommst du zurück.






"Endorphine" erscheint nicht mehr. Dafür kommt aber mehr: "Ich will Alles ganz. Mehr nicht."
Die BarFußHochzeit in SchwabachGitteWortBilderWortbilder 2Bevorzugte LinksKontaktGästebuch
Footer-Nachricht